Der
Bunte aus Ahus
Es
war kalt in der Nacht im Wohnmobil. Doch davon bin ich in dieser
Märznacht nicht wach geworden, nein, es war ein Schmerz in meiner
linken Schulter, der bis in den Hals zog. Gegen 1:30 Uhr hielt ich es
dann vor Schmerzen nicht mehr aus, ich wollte mich bewegen, musste
auf andere Gedanken kommen. „Morgen musst du wieder in Deutschland
sein, wie willst du diese Fahrt so schaffen?“ dachte ich und
kletterte aus meinem Nest. Machte mich auf und lief den dunklen Weg
vom Parkplatz, durch den Wald, rüber in die Stadt. Nach 20 Minuten
Fußweg, mit fest verschlossener und hochgezogener Jacke, erreichte
ich die City in Ahus. Immer hielt ich Ausschau nach einem
Arztpraxisschild, um vielleicht gleich Morgens der Erste zu sein.
„Wie willst du dich verständlich machen, wie heißt Hals, Schulter
und Nerv auf englisch?“ fragte ich mich und verspannte mich noch
mehr. Einen Tierarzt fand ich und dachte mir: „Gut, notfalls würde
auch das gehen, meine Tierärztin in Deutschland wüsste auch mit
Tipps zu helfen“. Gegen 3 Uhr in der Früh setzte ich mich
erschöpft von den Schmerzen auf eine Bank im Stadtbereich der
wunderschönen Fußgängerzone, lauschte in die schlafende Stadt
hinein und nahm den kalten Nebel wahr, der von der See direkt in
meine Muskeln zog. Plötzlich fiel mir ein dicker und farbenfroher
Wollschal auf. Er hing an der gegenüberliegenden Parkbank. „Den
brauchst du jetzt“ fiel mir ein, und ich ging rüber, um ihn mir
genauer anzuschauen. Er war weich und dick, aber auch etwas nass von
der Luftfeuchtigkeit. Ich schaute mich instinktiv um, ob vielleicht
jemand in der Nähe steht und diesen Schal nur vergessen hatte. Da
war niemand. Nun fielen mir auch die vielen anderen farbenfrohen
Strickereien auf. Laternenmasten, Parkbänke, Mülltonnen,
Betonpfeiler - alles war mit bunten Strickwaren geschmückt und
verschönert worden. Ein freudiges Gefühl überkam mich, und ich
band den Schal von der Parkbank ab, legte ihn mir, mit dem Gefühl es
zu dürfen, um den Hals, fühlte gleich seine angenehme Wärme.
Langsam ging ich noch durch Ahus und betrachtete die Strickkunst,
denn etwas anderes konnte es ja nicht sein. Gegen 7 Uhr am Morgen
erreichte ich mein Wohnmobil und kochte mir, den Hals immer noch in
Schonhaltung tragend, erst einmal einen Kräutertee. Während das
Wasser auf der Gasflamme erhitzte, nahm ich den Schal kurz ab,
betrachtete und fühlte ihn. Er war jetzt nicht mehr kalt und klamm,
nein, jetzt war er ganz warm und angenehm anzufassen. Erst jetzt
erkannte ich die vielen kräftigen und unterschiedlichen Farben,
fühlte zwischen meinen Fingern die verschienenen Wollarten. Ich
trank meinen heißen Tee und wickelte mir den Bunten, so sollter er
heissen, wieder um. In mir entstand ein Gefühl von behütet sein,
weit weg von zuhause, getrennt von meiner Freundin, in einem fremden
Land. Gegen Nachmittag war der Schmerz etwas abgeklungen, und ich
fuhr wieder zurück in meine Heimat.
Den
Schal hatte ich bis Deutschland nicht abgenommen und nach 1200 km war
der Schmerz dann weg. Ich habe den Bunten noch immer, und erst
gestern nahm ich ihn, nach vielen Jahren, erneut aus dem Schrank,
denn ein alter Schmerz meldete sich zurück. In wundervoller
Erinnerung an Ahus legte ich den Bunten wieder um, und in mir stieg
gleich wieder dieses entspannte und altbekannte Gefühl auf. In
Dankbarkeit an den oder die Menschen, die diesen Schal gestrickt und
auf die Schönheit der Stadt in jener Nacht aufmerksam gemacht haben.
Danke ! (eine wahre Geschichte von Jürgen Wolf)
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Der Bunte aus Ahus-Schweden |