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Freitag, 21. Dezember 2012

Eine wahre Geschichte

Der Bunte aus Ahus




Es war kalt in der Nacht im Wohnmobil. Doch davon bin ich in dieser Märznacht nicht wach geworden, nein, es war ein Schmerz in meiner linken Schulter, der bis in den Hals zog. Gegen 1:30 Uhr hielt ich es dann vor Schmerzen nicht mehr aus, ich wollte mich bewegen, musste auf andere Gedanken kommen. „Morgen musst du wieder in Deutschland sein, wie willst du diese Fahrt so schaffen?“ dachte ich und kletterte aus meinem Nest. Machte mich auf und lief den dunklen Weg vom Parkplatz, durch den Wald, rüber in die Stadt. Nach 20 Minuten Fußweg, mit fest verschlossener und hochgezogener Jacke, erreichte ich die City in Ahus. Immer hielt ich Ausschau nach einem Arztpraxisschild, um vielleicht gleich Morgens der Erste zu sein. „Wie willst du dich verständlich machen, wie heißt Hals, Schulter und Nerv auf englisch?“ fragte ich mich und verspannte mich noch mehr. Einen Tierarzt fand ich und dachte mir: „Gut, notfalls würde auch das gehen, meine Tierärztin in Deutschland wüsste auch mit Tipps zu helfen“. Gegen 3 Uhr in der Früh setzte ich mich erschöpft von den Schmerzen auf eine Bank im Stadtbereich der wunderschönen Fußgängerzone, lauschte in die schlafende Stadt hinein und nahm den kalten Nebel wahr, der von der See direkt in meine Muskeln zog. Plötzlich fiel mir ein dicker und farbenfroher Wollschal auf. Er hing an der gegenüberliegenden Parkbank. „Den brauchst du jetzt“ fiel mir ein, und ich ging rüber, um ihn mir genauer anzuschauen. Er war weich und dick, aber auch etwas nass von der Luftfeuchtigkeit. Ich schaute mich instinktiv um, ob vielleicht jemand in der Nähe steht und diesen Schal nur vergessen hatte. Da war niemand. Nun fielen mir auch die vielen anderen farbenfrohen Strickereien auf. Laternenmasten, Parkbänke, Mülltonnen, Betonpfeiler - alles war mit bunten Strickwaren geschmückt und verschönert worden. Ein freudiges Gefühl überkam mich, und ich band den Schal von der Parkbank ab, legte ihn mir, mit dem Gefühl es zu dürfen, um den Hals, fühlte gleich seine angenehme Wärme. Langsam ging ich noch durch Ahus und betrachtete die Strickkunst, denn etwas anderes konnte es ja nicht sein. Gegen 7 Uhr am Morgen erreichte ich mein Wohnmobil und kochte mir, den Hals immer noch in Schonhaltung tragend, erst einmal einen Kräutertee. Während das Wasser auf der Gasflamme erhitzte, nahm ich den Schal kurz ab, betrachtete und fühlte ihn. Er war jetzt nicht mehr kalt und klamm, nein, jetzt war er ganz warm und angenehm anzufassen. Erst jetzt erkannte ich die vielen kräftigen und unterschiedlichen Farben, fühlte zwischen meinen Fingern die verschienenen Wollarten. Ich trank meinen heißen Tee und wickelte mir den Bunten, so sollter er heissen, wieder um. In mir entstand ein Gefühl von behütet sein, weit weg von zuhause, getrennt von meiner Freundin, in einem fremden Land. Gegen Nachmittag war der Schmerz etwas abgeklungen, und ich fuhr wieder zurück in meine Heimat.

Den Schal hatte ich bis Deutschland nicht abgenommen und nach 1200 km war der Schmerz dann weg. Ich habe den Bunten noch immer, und erst gestern nahm ich ihn, nach vielen Jahren, erneut aus dem Schrank, denn ein alter Schmerz meldete sich zurück. In wundervoller Erinnerung an Ahus legte ich den Bunten wieder um, und in mir stieg gleich wieder dieses entspannte und altbekannte Gefühl auf. In Dankbarkeit an den oder die Menschen, die diesen Schal gestrickt und auf die Schönheit der Stadt in jener Nacht aufmerksam gemacht haben. Danke ! (eine wahre Geschichte von Jürgen Wolf)

Der Bunte aus Ahus-Schweden
 

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